Der Support für die Produktionssteuerungssoftware SAP ME und SAP MII wird zum 31. Dezember 2030 eingestellt. Diese Ankündigung ist für viele produzierende Unternehmen ein Einschnitt mit strategischer Tragweite.

SAP ME / MII haben für viele Unternehmen über Jahre als stabiler Kern der Fertigungs-IT gedient. Diese Unternehmen brauchen nun einen gut geplanten und abgesicherten Migrationspfad zur Ablösung dieser Systeme. Für viele Organisationen stellt sich dabei jedoch nicht nur die Frage nach einem passenden Ersatz für ein vorhandenes Legacy-System – sondern nach einer Neuausrichtung ihrer Shopfloor-Applikationsarchitektur und Datenverarbeitungs-Infrastruktur.

Aus unserer Sicht ist die Ablösung von SAP ME / MII mehr als ein Migrationsprojekt: Produzierenden Unternehmen bietet sich dabei die Chance, direkte und indirekte Prozesse in unterschiedlichen Bereichen der Operations zu optimieren. Außerdem entstehen neue und effizientere Möglichkeiten für Betrieb und Wartung Ihrer Enterprise-Software Systeme.

1. Warum die Abkündigung von SAP ME / MII ein ernsthaftes Problem darstellt.

SAP ME / MII ist in vielen Industrieunternehmen tief in den operativen Kern der Wertschöpfung eingebettet. Die Systeme steuern, überwachen und dokumentieren die Abläufe auf dem Shopfloor – von der Rückverfolgbarkeit über die Qualitätsprüfung bis zur Feinplanung der Produktion.

Unternehmen, die SAP ME / MII heute einsetzen, sehen sich mit folgenden Konsequenzen konfrontiert:

  • Keine Weiterentwicklung: Neue regulatorische, technologische oder prozessuale Anforderungen werden nicht mehr in den Systemen abgebildet.
  • Steigende Betriebsrisiken: Sicherheitslücken, fehlende Patches und Abhängigkeit von veralteter Technologie nehmen ständig zu.
  • Eingeschränkte Integrationsfähigkeit: Moderne IT-Architekturen – Cloud, Data-Analytics, KI – lassen sich nur noch mit steigendem Aufwand anbinden.
  • Verlust an Wettbewerbsfähigkeit: Während Wettbewerber ihre Produktion datengetrieben optimieren, fallen SAP ME- / MII-Nutzer aus technologischer Perspektive immer weiter hinter Ihren Marktbegleitern zurück.

Für viele Unternehmen kommt erschwerend hinzu, dass das eigene SAP ME / MII über Jahre mit einer Vielzahl kundenspezifischer Anpassungen erweitert wurde. Der Abschied bedeutet also nicht nur den Wechsel einer Software, sondern das Hinterfragen historisch gewachsener Prozesse.

2. Die typischen Herausforderungen bei der MES-Migration

Erfahrungen aus unserem Projektalltag zeigen immer wieder dieselben strukturellen Stolpersteine, die sich in Zukunft insbesondere für Unternehmen ergeben, die vor der Ablösung von SAP ME / MII stehen:

Schnittstellen und Stammdaten

SAP ME / MII wurde in den meisten Unternehmen nicht als isoliertes System betrieben. Neben der typischen sehr engen Vernetzung mit dem ERP ergeben sich häufig eine Reihe weiterer Schnittstellen zu:

  • Systemen der Automatisierungsebene (SPS, SCADA, Gateways & Edge-Devices)
  • QM-Systeme
  • Warehouse Management (WMS) und Logistik-Systeme
  • Product Lifecycle Management Systeme (PLM)
  • Computerized Maintenance Management Systeme (CMMS)
  • . . .

Die Migration von SAP ME / MII greift daher tief in die Systemlandschaft eines Unternehmens ein und will schon aus diesem Grund wohlüberlegt und geplant sein.
Hinzu kommt für die Unternehmen der Sachverhalt, dass aufgrund mangelhafter Stammdatenqualität bei Materialien, Arbeitsplätzen, Arbeitsplänen oder Vorgabezeiten in der Vergangenheit entweder ein hoher Grad an Customizing vorgenommen wurde oder nur eine sehr ineffiziente Nutzung von Systemfunktionalitäten realisiert werden konnte.

Die Migration zu einem neuen MES ist hier nicht nur eine signifikante Herausforderung, sondern bietet auch die große Chance, die Fähigkeiten eines MES-Systems in Zukunft erheblich besser zu nutzen.

Fehlende Zielarchitektur für Applikationslandschaft und Connectivity-Infrastruktur

Vielen Unternehmen ist bewusst, dass sie SAP ME / MII ersetzen müssen. Es ist jedoch unklar, durch welche Systemlösung der Status-Quo ersetzt werden soll, welche funktionalen Anforderungen darin abzubilden sind und wie eine neue Lösung genau auf SPS/SCADA-Ebene angebunden sein soll, damit datengetriebene Optimierungsansätze in Zukunft möglich werden. Typischerweise ergeben sich für Anwendungskunden folgende Fragen:

  • Migriere ich direkt zu SAP Digital Manufacturing (SAP DM) oder lohnt sich ein Blick auf andere Anbieter auf dem Markt?
  • Bleibe ich bei einer on-premise Lösung oder setze ich auf eine Cloud-Strategie?
  • Mit welchen funktionalen Anforderungen der Operations entsteht ein messbarer Mehrwert auf dem Shopfloor?
  • Wie erfolgt eine State-of-the-Art Anbindung von Anlagen und intelligenten Geräten an eine darüberliegende Infrastruktur?

Bei Betrachtung solcher Fragen wird schnell klar, dass eine bewusste Entscheidung für oder gegen eine bestehende Handlungsoption ohne klares Zielbild nur sehr schwer getroffen werden kann.

Fehlende Soll-Prozesse

Eine weitere Herausforderung besteht für viele Unternehmen darin, dass bestehende SAP ME- / MII-Implementierungen historisch gewachsene Prozesse abbilden, die in aller Regel deutliche Optimierungspotenziale bieten. Durch eine 1:1-Migration der existierenden Prozesslandschaft vergeben Unternehmen die Chance auf Verbesserung und zementieren bestehende Ineffizienzen für die nächsten 15 bis 20 Jahre. Die kaum bessere Alternative? Prozessanpassungen müssen zu einem späteren Zeitpunkt durch teure Change Requests umgesetzt werden.

Für Unternehmen, die sich für die Zukunft einen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren Marktbegleitern sichern wollen, sind beide Optionen keine erstrebenswerten Alternativen.

Lieferantengetriebene Entscheidungen

MES-Anbieter versprechen Ihren Kunden oft die Lösungsberatung zum Nulltarif. Vor dem Hintergrund, dass das Geschäftsmodell dieser Branche auf dem Verkauf von Software-Produkten beruht, ist dies auch vollkommen nachvollziehbar, da solch eine Dienstleistung ein Teil der Akquise-Leistung darstellt.

Der Nachteil bei der Wahl des Lösungsanbieters als Lösungsberater liegt darin, dass die erfolgte Beratung unter dem Zeichen eines existierenden Lösungsportfolios steht, und nicht auf den tatsächlichen Anforderungen und spezifischen Bedarfen des Industrieunternehmens.

Die Investition in eine anbieterunabhängige Beratung lohnt sich, um den zielführendsten Ansatz für das Industrieunternehmen herauszuarbeiten, bevor Gespräche mit Anbietern zu konkreten Produkten geführt werden.

3. Der Kardinalfehler – „Wir haben ja noch Zeit . . .“

Viele Unternehmen wiegen sich vor der noch weit in der Zukunft liegenden Produktabkündigung im Jahr 2030 in Sicherheit. Doch dieser Schein trügt. Abstimmungsprozesse, gerade wenn mehrere Werke oder mehrere Business Units involviert sind, dauern schnell einige Monate. Funktionale Anforderungen repräsentativ und von allen Stakeholdern akzeptiert zusammenzutragen erfordert präzise Arbeit sowie Fingerspitzengefühl in Kommunikation und Umgang. Ein Alignement zwischen IT und Operations zu Zielbildern und Zukunftskonzepten kann schnell zur ‚Never-Ending-Story‘ werden.

Produzierende Unternehmen, die diesen Prozess nicht rechtzeitig starten, riskieren die überlegte Entwicklung funktionierender und vor allem akzeptierter Lösungen vor dem Hintergrund akuten Handlungsdrucks. Um dies zu vermeiden, empfiehlt sich eine frühzeitige Auseinandersetzung mit der SAP ME- / MII-Migration, sowie die Einbindung erfahrener Experten. Diese sorgt für die nötige Geschwindigkeit sowie die Sicherheit, dass ein akuter Handlungsdruck gar nicht entsteht.

Unsere Empfehlung für SAP ME- / MII-Nutzer

Die Abkündigung von SAP ME / MII ist kein reines IT-Thema. Stattdessen bietet sie die Chance, die eigenen Operations neu aufzustellen – digital, integriert und wettbewerbsfähig.

Unternehmen, die nun wertvolle Zeit verstreichen lassen oder nur nach einem schnellen Ersatz des Status Quo suchen, vergeben die Chance, sich zukunftssicher und wettbewerbsfähig aufzustellen. Unternehmen, die sich dazu entschließen, mit Mut, Struktur und Weitblick voranzugehen, schaffen sich eine optimale Plattform für die nächsten zehn Jahre operativer Exzellenz.

Wir unterstützen Sie dabei, aus Unsicherheit Klarheit zu machen – und aus einer Migration einen echten Wettbewerbsvorteil.

Ihr Experte

Dr. Peter Stephan, Senior Partner & Co-Founder
Dr. Peter Stephan
Principal & Co-Founder